Kurz:

Oh hai Danzig.

Lang:

Der Schinken-Gott

Meist agieren untalentierte, desillusionierte Filmemacher tief im Untergrund und bleiben bis ans Lebensende unbekannt. Namen wie Wiseau, Nguyen und Breen bilden die Ausnahme. Erst durch ihr grenzensprengendes Filmschaffen schufen sie sich ihren (zweifelhaften) Ruf. Anderes rum funktionierte es bei „Verotika“. Hier ist nämlich der Metal-Schinken-Gott himself der Verbrecher: Glen Danzig.

Wem dieser Name nix sagt, und wohl auch nicht in den 90ern aufgewachsen ist, Herr Danzig ist Musiker. Eigentlich Glenn Allen Anzalone benamst, gründete er 1977 die Band The Misfits und legte mit ihnen den Grundstein des Genres Horrorpunk. Es kam zum Bruch und heute ist er als Frontmann seiner Band Danzig und als Comicautor tätig.

Als Comiczeichner ist er bekannt für die Verotik-Reihe, in welcher er seine absurden Erotikfantasien, gespickt mit Gewalt und Horror, verarbeitet. Unter Danzig-Fans, und davon gibt es auch 2020 erstaunlich viele, werden die Comics rumgereicht wie warme Weggli. Auch seine Band ist immer noch aktiv und spielt regelmässig weltweite Konzerttouren. Geld und Ruhm ist also vorhanden, dass sein nächster künstlerischer Schritt zwingend die filmische Adaptation seiner Comics sein musste, ist Unglück und Segen in einem.

Spoiler: Ja, Verotika ist übel.

Verdammt übel. Die Vergleiche mit den Machwerken der eingangs erwähnten Grössenwahnsinnigen sind berechtigt. In “Verotika” trifft „The Room“-Screenplay auf „Birdemic“-Cinematography, gespickt mit Breenischem Grössenwahn. Die Schauspielerinnen, 95% direkt aus der Pornobranche angemietet, sind talentfrei wie ein halbgefülltes Confituren-Glas. Klebrig und überzuckert stolpern sie in Schnappatmung provozierender Kleidung durch Bruchstücke absurdester Konversationen. Ach, so schön.

„Verotika“ serviert uns drei völlig voneinander losgelöste Kurzfilme. Die thematische Einführung in jedes Segment erfolgt mittels sinnbefreitem Monolog aus dem Mund eines nett geschminkten Pornosternchens.

1) De Neggbreikeh

In Episode Eins (The Albino Spider of Dajette) versuchen Wissenschaftler einen Klon des Mortal-Kombat-Charakters Goro zu schaffen. Leider missglückt der Versuch komplett. Statt einem, mit 4 muskelbepackten Armen bestücktem Martial-Arts-Kämpfer, erschaffen die Wissenschaftler „The Neckbreaker“.

Tönt doof und stimmt natürlich nicht. Die Albino-Geschichte dreht sich in Wirklichkeit um eine weisse Spinne, welche von der Träne einer traurigen Augenbrustwarze betropft wird und deshalb zum genickbrechenden, mit 6 Armen, vier davon schlapp wie Wackelpudding, bestückten Dämon „The Neckbreaker“ mutiert.  Bäm!

Die Geschichte ist in Frankreich angesetzt. Wieso auch immer. Der nette Versuch, durch französische Pornostars einem diffusen, englischen Skript Charme einzuhauchen, kann jedenfalls offiziell als gescheitert betrachtet werden.

2 + 3) Same insane

Und so geht es weiter. Teil 2 handelt von einer Stripperin, welche tagsüber zu 90s-Metal strippt und nachts versucht ihrem Leben in bester Leatherface-Manier ein neues Gesicht zu geben. Mystery Girl, so ihr Name, häutet andere Pornodarstellerinnen und nagelt die Hautfetzen in ihrem Wohnzimmer an die Wand. Ach ja, das Segment heisst „Change of Face“. Krass.

Der dritte Erguss ist im Mittelalter angesiedelt. In „Drukija Contessa of Blood“ geht es um eine Königin, welche gerne nackt in Jungfrauenblut badet. Und das 20 Minuten lang. That’s all folks.

Check-Box

Auch sonst schwingt sich „Verotika“ gekonnt von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen:

  • Blicke, direkt in die Kamera? Check.
  • Pappkulissen? Check.
  • Atmende Leichen? Check.
  • Schamlose Kostüme/Outfits? Check.
  • Taktloser Schnitt? Check.
  • In Flutlicht blossgestellte Gummi-Masken? Check.
  • „The Asylum“-FX? Check.
  • Unverständliche Dialoge (inhaltlich und akustisch)? Check.

Alles Zutaten für einen Instant-Best-Worst-Classic.

Premieren-Flop

Schinken-Gott Danzig schöpft aus dem Vollen! Was man ihm aber lassen muss: Er hatte es nicht nötig, sich vor der Kamera zu platzieren. Nicht mal einen halbgaren Cameo gibt’s. Nein nix. Dies geschah aber kaum aus Selbsterkenntnis und Selbstschutz. Nein, Glen ist nämlich überzeugt mit seinem Filmdebüt solide Filmkunst abgeliefert zu haben. Trotzdem floppte die Premiere am Cinepocalypse-Festival letztes Jahr in Chicago – in Anwesenheit des Regisseurs notabene – gehörig. Statt Angst und Schrecken verbreitete sich innert Kürze Gelächter und unpassender Szenenapplaus im Saal. Ach, wären wir gerne dabei gewesen.

Fazit

Hätten alle drei Teile den gleichen Unterhaltungswert, wie „The Albino Spider of  Dajette“, „Verotika“ wäre mit einem Satz auf unserem Best-Worst-Podest gelandet. So gibt es für Teil 2 und vor allem für den fast professionell anmutenden und mit erstaunlich passabelen Gore-Effekten bestückten dritten Teil minimalen Punkteabzug. Trotzdem können Liebhaber schlechter Filmkunst hier bedenkenlos zugreifen.

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